top of page

24 Tage bis zur Unendlichkeit

Aktualisiert: 13. März 2023



24 TAGE BIS ZUR UNENDLICHKEIT


DANN ESSE UND TRINKE ICH EINFACH NICHT MEHR


Was zuvor geschah…


50 Jahre Friede, Freude, Eierkuchen oder Pfannenkuchen mit Spinat.


Ich wuchs auf als geliebtes Einzelkind mit Halbgeschwistern, zu denen ich wenig Kontakt hatte und eigentlich war da nur ich. Meine Eltern waren, wie alle Eltern, nicht perfekt, aber wenn man es auf einer Skala von eins bis zehn messen würde, lagen sie definitiv im oberen Bereich. Ich wurde geliebt, respektiert und durfte mein Leben so gestalten wie ich es wollte.

Ich hatte die Freiheit zu werden, was ich wollte und wurde akzeptiert, so wie ich war. Außer glücklich werden, wollte ich nie viel. Und das habe ich, dank meiner Eltern, auch geschafft. Sie gaben mir die Wurzeln, das Vertrauen und die Liebe, die ich brauchte, um so zu werden wie ich bin.

Ich machte Abitur, studierte, heiratete Andy, meinen wundervollen Mann und ein paar Jahre später kam unsere Tochter Lara zur Welt. Ich habe eine fantastische Familie, die ich über alles liebe.

Im Jahr 2006 beschlossen wir, dass es Zeit für eine Veränderung war. Spanien, Ibiza. Das trübe Wetter und die Sehnsucht nach Meer beflügelten uns in unserem Wunsch, einen neuen Wohnort zu finden. Und ich, die ich immer dachte, dass ich nicht nur in Frankfurt Rödelheim geboren wurde, sondern auch irgendwann dort sterben würde, brach mit meiner Familie die Zelte ab. Es war nicht immer einfach, aber es war ein lohnenswertes Abenteuer.

Ich war mit 21 bei meinen Eltern ausgezogen, aber wir lebten nur wenige Straßen von ihnen entfernt, eine Tatsache, die ihnen unseren Umzug nicht leichter machte.

Vor allem für meine Mutter war es schwer. Sie sagte zwar nie etwas, aber unser Verhältnis war nicht leicht in den letzten Tagen und Wochen vor der Abreise und ich weiß, dass es daran lag, dass sie nicht wollte, dass wir gehen.

Das Schwerste am Weggehen war der Abschied von meinen Eltern. Die plötzliche Distanz. Ich war, und bin wahrscheinlich immer noch, sehr verwurzelt. Das, was andere in der Pubertät erleben, den Teil, in dem sie lernen, loszulassen und anfangen unabhängig von ihren Eltern zu werden, habe ich nie so ganz erlebt.


Durch das immer noch enge Verhältnis zu meinen Eltern wurde Urlaub in Deutschland für meine Tochter und mich zu einem wichtigen Bestandteil. Mein Mann hingegen war endlich angekommen. Für ihn hatte sich Ibiza in das Zuhause verwandelt, von dem er immer geträumt hatte. Urlaub im kalten Deutschland war für ihn höchstens für ein paar Tage denkbar.

Und für meine Eltern wurde die Insel eine Art zweites Zuhause, so wie Frankfurt es für mich und meine Tochter immer geblieben ist. Sie kamen jedes Jahr mindestens einmal, aber manchmal auch zweimal zu Besuch. Wenn sie im Frühjahr kamen, dann alleine zu uns nach Hause und im Herbst mit Freunden. Aus den jährlichen Urlauben der Seniorengruppe quer durch Europa wurden jährliche Besuche auf Ibiza.


Wenn ich in den ersten Jahren nach Frankfurt fuhr, traf ich mich viel mit meinen Freunden, hatte eine schöne Zeit mit ihnen und auch mit meinen Eltern. Selbst Lara hatte noch Freundinnen aus ihrer Zeit im Kindergarten. Wir unternahmen viel, genossen die angenehme und willkommene Abwechslung zwischen dem großen, grauen Frankfurt und der kleinen, bunten Mittelmeerinsel. Wir waren immer gerne dort und der Bindung zu meinen Eltern schadete die Distanz nicht.

Meine Tochter und ihr Opa hatten eine ganz besondere Verbindung, die mit den Jahren weiter wuchs. Er wurde zu ihrem Lichtblick in Deutschland und zu einem Lieblingsmensch in ihrem Leben.


Als Kind waren meine Eltern immer für mich da und als ich älter und erwachsen wurde, haben sie mir weiterhin unerbittlich zur Seite gestanden. Meine Eltern, diese Konstante, die mir mein Leben lang Kraft und Sicherheit vermittelt hat. Wir haben viele Urlaube zusammen verbracht, am Anfang wie jede normale Familie zu dritt und später, nachdem ich meinen Mann kennenlernte hatte, zu viert, und als unsere Tochter zur Welt kam, alle zusammen.

Wir sind weggezogen, aber wir waren nie wirklich getrennt. Meine Mutter und ich haben jeden Morgen telefoniert, an manchen Tagen sogar öfters. Sie war immer da, mein bester Ratgeber, meine beste Freundin, mein Fels in der Brandung und ständiger Halt, egal ob bei Sorgen, Freude oder alltäglichen Fragen und Zweifeln.


Dann wurde meine Mutter krank.

Es muss etwa 2015 gewesen sein, als ihre Hand plötzlich nicht mehr richtig funktionierte. Es waren Einschränkungen, die unschön waren, bei denen man sich am Anfang zwar Sorgen macht, aber nicht gleich von dem Schlimmsten ausgeht. Irgendwie ging es weiter und kein Arzt wusste wirklich Rat. Jahre und etliche Ärzte später kam die Diagnose. Kordikobasale Degeneration. So selten, dass es fast niemand kennt. So selten, dass nicht einmal Google wirklich weiter weiß. So selten, dass es nicht erforscht wird und somit: keine Heilung und keine Medikamente. Aber eins war klar: Die Prognose ist schlecht. 8 Jahre etwa hat man noch. Und alles, was dazwischen kommt, ist unschön.


Die 8 Jahre sind vorbei.


Meine Mutter verstand nicht ganz, was der Arzt ihr erklärte, und meinte, er spreche in Fachbegriffen, die sie nicht verstünde. Der Arzt sagte, es sei schwierig zu erklären, da es keine anderen Worte gäbe, um ihre Krankheit zu beschreiben.

Ich schaute im Internet nach. Informierte mich. Suchte nach diesen nicht verstandenen Fachbegriffen und verstand. Sagte ihr aber nie, was ich dort las. Ich bin heute noch davon überzeugt, dass es eine gute Entscheidung war. Durch die Unwissenheit und das fehlende Warten auf schlechtere Zeiten hatte sie eine relativ gute Zeit. Sie ging wandern, trotz Einschränkungen, sie ging schwimmen, traf sich weiterhin mit ihren Freunden und fuhr noch nach Ibiza. Am Anfang zumindest.

Bei manchen fängt die Krankheit mit einer Demenz an, sie hingegen war bis zum Schluss ganz klar. Was ich ihr auch nicht sagte war, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei 8 Jahren liegt. Ich sagte es ihr erst gegen Ende, als die 8 Jahre schon vorbei waren und ihr größter Wunsch das Sterben war. Sie konnte kaum noch Laufen, hatte seit etwa 2 Jahren die Wohnung nicht mehr verlassen, konnte nicht mehr an der frischen Luft gehen, obwohl sie doch immer so aktiv war.


Sie war eine Löwin, nicht nur im Sternzeichen. Stark und kämpferisch. Sie klagte nicht. Nicht über die Schmerzen, nicht über ihre Einschränkung und nicht über ihr verlorenes Leben. Sie trug es mit Fassung. Aber die Krankheit veränderte sie. Aus der Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand, die aktiv und der Mittelpunkt ihres Freundeskreises war, wurde langsam und schleichend ein trauriger, zu früh gealterter Mensch. Verängstigt und schreckhaft. Zum Glück wurde sie nicht dement, wie es hätte passieren können.


In den letzten Jahren und Monaten bin ich viel nach Frankfurt geflogen, um zu helfen, um meinen Vater zu entlasten, um da zu sein. Meine Eltern verlangten nichts, aber sie waren dankbar für die Hilfe.

Da ich nicht mehr gleich um die Ecke wohnte, erschwerte das die ganze Situation. Ich versuchte, so oft wie möglich nach Frankfurt zu fliegen. Die Zeitabstände meiner Besuche wurden immer kürzer. Anfangs flog ich 1 - 2 Mal im Jahr, am Ende war ich alle 4 bis 6 Wochen für sieben Tage da.


Seit 50 Jahren lebte sie in der gleichen Wohnung und dieses Jahr wäre sie 50 Jahre verheiratet gewesen. Mit meinem Vater. Der Fels in der Brandung. Der sie liebte, mehr als sich selbst. Der alles für sie tat und immer für sie da war. Erst waren es kleine Hilfestellungen, dann war es ihr Alltag, den er für sie übernahm und seinen, den er aufgab.


Er kündigte seinen geliebten Kleingarten, den er bis dahin jeden Tag pflegte, wo er Freunde traf, woran sein Herz hing. Er gab ihn auf. Zum Teil wegen des Alters, aber vor allem, weil sie immer weniger konnte und er mehr Zeit für sie brauchte. Sie ging schon lange nicht mehr in den Garten und alleine war es nicht mehr das, was es mal war, sein halbes Leben lang.

Erst waren es Kleinigkeiten, die sie nicht mehr hinbekam, mit der Zeit konnte sie fast gar nichts mehr. Er ging einkaufen, er kochte, er schnitt ihr das Essen in kleine Stücke, er räumte auf, spülte, zog sie morgens an und abends wieder aus. Half ihr beim Aufstehen und beim zu Bett gehen. Er ertrug es, wenn sie ihre Launen an ihm ausließ, aus Frust, aus Traurigkeit und aus Verzweiflung.


Er trug eine Last, die viel zu schwer für einen alleine war. Und auch er wurde älter. Keiner sah oder merkte es ihm an. Alle glaubten, er sei unkaputtbar.


Er weinte viel, heimlich. Weil sie so leiden musste. Sie sagte, seine Augen seien rot, er solle zum Arzt gehen, ohne zu ahnen, dass sie aus Sorge um sie rot geweint waren.


Im August kam ich wieder. Nur mit Handgepäck. Für eine Woche. Dachte ich.

Es sollte drei Monate dauern, bis ich wieder nach Hause flog. Ohne meinen Vater.


Er sagte zu mir, er wünschte, er würde einfach einschlafen und sterben. Das war neu und ungewöhnlich. Sonst drehten sich seine Gedanken und Sorgen immer nur um sie. Nach der ersten Nacht in Frankfurt ging es ihm nicht gut. Er hatte geschwollene Füße und Probleme beim Atmen. Eine schreckliche Nacht. Er wollte warten, bis seine Ärztin aus dem Urlaub kam. Aber wir gingen gleich zu einem anderen Arzt. Dieser reagierte schnell. Herzrhythmusstörungen. Er solle ins Krankenhaus, hieß es. Daraufhin musste er weinte. Er könne seine Frau nicht alleine lassen. Als man ihm sagte, es sei nur für zwei Tage und ich ihm versicherte, ich sei ja da, ging es ihm etwas besser.


Zwei Tage später war er wieder zu Hause und feierte seinen 84sten Geburtstag. Er glaubte, er würde ihn nicht mehr erleben, sagte er. Das war seltsam.

Aber es war egal, denn er war da.

Dann war Blut in der Toilette. Es kam von ihm. Er spuckte Blut und kam wieder ins Krankenhaus. Bei der Untersuchung des Herzens hatte er einen Schlauch geschluckt. Der hatte den Tumor im Hals verletzte, von dem keiner etwas wusste. Er sei ziemlich groß, aber man könne ihn entfernen. Keine leichte OP. 8 - 9 Stunden. Danach ein Tracheostoma, ein Schlauch im Hals, über den er atmen würde. Er müsse neu essen und sprechen lernen. Aber er könne ein gutes Leben führen. Mit einer guten Lebensqualität. Es gab keine andere Option. Zumindest wurde ihm keine aufgezeigt. Er würde ansonsten ersticken oder verhungern. Das war nicht ganz die Wahrheit, wie sich hinterher herausstellte.

Er kam 2 Tage nach Hause, bevor er operiert wurde. 2 Tage, in denen er so glücklich und liebevoll und hoffnungsvoll war. Er ging und sagte, er habe keine Angst. Er kam nie wieder nach Hause.

Die OP dauerte 12 - 13 Stunden, aber sie sei problemlos verlaufen. Zur Verzögerung sei es aus gesundheitlichen Gründen des Chefarztes gekommen. Ich fragte nach und erfuhr, wahrscheinlich unbeabsichtigt, dass er ein Magen-Darm-Problem hatte während der OP. Wahrscheinlich war er 4 Stunden auf der Toilette.

Nach der Operation kam er auf die Intensivstation. Dort wurde er am zweiten Tag isoliert. Ein Keim. E.Coli. Der Magendarmkeim. Aber einen Zusammenhang mit der Erkrankung des Chefarztes gäbe es nicht.

Er fantasierte. Durchgangssyndrom. Zu lange in Narkose bei hohem Alter, sagte der Arzt. Er bekam Fieber. Keiner wollte mir dazu Auskunft geben. Tage versuchte ich, einen Arzt zu sprechen. Aber keiner konnte oder wollte sich Zeit nehmen. Dann sprach ich endlich mit einem HNO-Arzt. Er war unfreundlich und ungehalten, weil er nicht zuständig sei. Vonseiten der OP sei alles in Ordnung und würde ordentlich verheilen. Was das Fieber beträfe, wäre er nicht zuständig. Der Arzt auf der Intensivstation auch nicht. Er verweigerte ein Gespräch, ich habe ja schließlich schon mit dem HNO-Arzt gesprochen, hieß es. Mein Papa selbst konnte nicht mehr sprechen. Nur schreiben. Aber auch nicht viel. Er war ja jetzt irgendwie verrückt und keiner interessierte sich wirklich für diesen alten stummen verrückten Mann.

Dass er gesund und normal war, als er ins Krankenhaus kam, das wusste keiner. Und konnte sich auch keiner mehr vorstellen. So schnell ging das.

Die Ärztin auf der Intensivstation sprach dann doch mit mir. Äußerte sich nicht direkt zu dem Fieber. Es könne von dem Infekt kommen oder davon, dass er wahrscheinlich eine Metastase und einen Tumor auf der Lunge habe. Das hatte er angeblich beides nicht vor der Operation. Denn das war die Voraussetzung gewesen, dass er operiert werden könne. Ich weiß nicht, ob Krebs so schnell wachsen kann oder ob es den Ärzten einfach egal war, dass er vielleicht schon da war, wo er nicht sein sollte. Denn im vorherigen Krankenhaus gab es scheinbar schon einen Verdacht und eine abgebrochene Bronchoskopie.

Die Ärztin sprach mit mir wie mit einem Idioten. In einem Ton, der sehr verletzend und verachtend war. Empathie - Fehlanzeige. Dass er eine Sepsis hatte, vergaß sie einfach zu erwähnen. Vielleicht wollte sie auch ablenken von den seltsamen Zusammenhängen zwischen einem kranken Arzt und einem Keim. Später, in einem anderen Krankenhaus, wusste man von der Sepsis. Das Gespräch war unwürdig. Verachtend, respektlos. Man wolle noch eine Bronchoskopie machen. Nochmal Narkose. Wofür? Für mehr Geld in der Kasse. Nein. Das wollten wir nicht.

Der Chefarzt gab sich einige Tage später höchstpersönlich die Ehre. Er wollte wissen, warum wir das nicht wollten. Man könne ja noch mal operieren oder eine kleine Chemotherapie machen, was zuvor ausgeschlossene wurde, da er ja schon über 70 sei. Man könne auch keine Bestrahlung mehr machen, wenn wir die Untersuchung verweigern würden. Mein Vater lag im Bett und wurde einfach liegen gelassen. Der Neurologe sagte, er solle in einen Mobilitätsstuhl. Die Schwester sagte, er sei nicht mobil genug. Personalmangel trifft es besser. Unwürdig und menschenverachtend. Ich bin noch immer traumatisiert von diesen Ereignissen. Und für einen weiteren Eingriff mit anschließender Behandlung hätte seine Mobilität gereicht.

Alles, was er wollte war, zur Toilette gehen. Aber da er groß und kräftig war und einer alleine das nicht geschafft hätte, zog man ihm Windeln an. Er versuchte es immer wieder alleine. Aber der Weg war zu weit und die Kraft verließ ihn immer mehr. Er fiel aus dem Bett. Mehrmals. Dann machten sie die Gitter hoch und gaben ihm Haloperidol und Diazepam. Irgendwann waren die Windeln alle und er sollte ohne bleiben und einfach ins Bett kacken. Sei doch egal, es wären ja nur zwei Männer im Zimmer. Würde - Fehlanzeige.

Seien letzten Tage verbrachte er in einem anderen Krankenhaus auf der Palliativ-Station. Bis zuletzt lebte die Hoffnung. Wenige Tage vor seinem Tod überstand er eine scheinbar aussichtslose zweite Sepsis. Und selbst bei der Dritten kämpfte er noch. Aber er wurde immer schwächer. Drei Tage vor seinem Tod, als keiner mehr an ihn glaubte, gab er mir noch ein Zeichen, dass ich für ihn kämpfen soll. Am nächsten Tag sollte ich zur Besprechung ins Krankenhaus. Ein Team von 5 Mann sprach mit mir und erklärte mir, dass er es nicht schaffen würde, selbst wenn er mit einem neuen Wunder die dritte Sepsis überlebte. Sie stellten die Nahrung und Flüssigkeitszufuhr ein. Ich ging zu ihm und sagte ihm, dass er nicht mehr kämpfen soll, dass ich alles, was in meiner Macht stünde, tun würde, damit es Mama gut ginge. Ich weinte und mein Herz drohte zu zerspringen. Tagsdrauf war er wach, als ich zu ihm kam, aber er starrte vor sich hin und bewegte seine Arme hektisch, fast panisch. Ich beruhigte ihn, hielt seine Arme fest und wurde selbst ganz ruhig. Irgendetwas passierte in diesem Moment mit mir. Ich ließ los und eine Art Frieden kam über mich. Ich war immer noch traurig, aber es war anders, friedlicher. Als ich ging, sagte ich „Papa, ich habe Dich lieb“. Jeden Tag besuchte ich ihn in dieser Zeit im Krankenhaus und jeden Tag, wenn ich ging, waren das meine letzten Worte an ihn. Nachts um 01:30 klingelte das Telefon und so waren es die letzten Worte, die ich jemals zu ihm sagte.

Erst in dieser schweren Zeit merkte ich wirklich, was dieser tapfere alte Mann alles geleistet hatte. In diesen 3 Monaten war ich nicht nur jeden Tag im Krankenhaus, sondern ich machte, was er zuvor getan hatte. Ich pflegte meine Mutter. Und erst da begriff ich tatsächlich, wie er sein Leben für ihres gab. In Liebe.

Drei Monate waren vergangen und ich musste und wollte wieder nach Hause, denn dort wartete mein Leben, das ich vermisste, und meine Familie, die mich auch brauchte. Ich tat alles, was in meiner Macht stand und kämpfte dafür, dass das Sozialamt meine Mutter unterstützte und eine 24-Stunden-Pflege finanzierte. Frau Latten war eine große Hilfe und ich bin froh, dass das Schicksal die Betreuung meiner Mutter zu ihr brachte. Sie ist einer der Engel, die mich auf diesem schweren Weg begleitet haben.

Immer wieder wurden mir Steine in den Weg gelegt und immer wieder gab es Menschen, die ich zuvor nicht kannte, denen ich bis heute nie begegnet bin und die mir geholfen haben. Mit großen und mit kleinen Taten, mit Verständnis und Zeit, die sie sich für mich genommen haben. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Ich war sehr froh, dass alles seinen Weg nahm, und ich blieb nach der Beerdigung ein paar Tage länger, als meine Familie, um die neue Hilfskraft einzuarbeiten.

Es schien gut zu funktionieren und ich war erleichtert. Anfangs. Die Dame musste dann um 21 Uhr schlafen und meine Mutter, die zuvor bis 0:00 Uhr aufblieb, lag mit Windeln im Bett. Denn Aufstehen in der Nacht könne die Pflegekraft nicht. Wechseln wollte meine Mutter nicht. Aus Angst, dass sie böse würde. Also blieb sie und meine Mutter ging nicht mehr ins Wohnzimmer. 3 - 4 Wochen später war ich wieder bei ihr und sie konnte nicht mehr laufen. Ihre Krankheit schritt fort. Schneller als zuvor. Wahrscheinlich war es ein Zusammenspiel aus Einsamkeit, Traurigkeit und Bewegungslosigkeit, da sie nicht mehr ihre gewohnten Wege ging.

Ihre langjährigen Freunde von früher, noch aus Kindheitstagen, wandten sich von ihr ab. Wahrscheinlich war sie zu anstrengend. Traurig, hilflos, alt und krank. Unbrauchbar.

Sie verbrachten Silvester immer zusammen. Sagten mir noch, ich könne sie an Weihnachten nicht alleine lassen, nicht dieses erste Jahr ohne meinen Vater. So kam ich an Weihnachten und teilte mich auf. Heiligabend in Frankfurt und anschließend Ibiza. Die Flüge sind beschwerlich im Winter. Immer umsteigen und hoffen, dass alle Anschlussflüge klappen.

Silvester dann verabredeten sich die Freunde, wie so oft. Aber diesmal nicht in der Wohnung meiner Eltern, sondern in der Wohnung der anderen. Tief traurig zog sie sich zurück. Sagte am Telefon dem einen Paar, dass sie verletzt sei. Sie stieß auf Unverständnis. Man sei ja keine Rechenschaft schuldig. Immerhin habe man die letzten Jahre, ihretwegen bei ihr verbracht, da sie ja nicht mehr laufen könne und damit sie nicht alleine sei. Sie waren die Jahre vorher schon da, als sie noch laufen konnte. Sie war damals auch nicht alleine, denn mein Vater war ja da. Jetzt war sie alleine, aber das zählte wohl nicht. Wahre Freunde fürs Leben.

Und jetzt, jetzt sei Reiner, mein Vater, ja nicht mehr da. Er habe Essen gemacht und man könne der Pflegekraft nicht zumuten, das Geschirr zu spülen. Der Ehemann ihrer Freundin übernahm das Gespräch, als diese sprachlos wurde, nachdem ich sie gebeten hatte, sich in die Situation zu versetzten. Er fragte, ob es das sei, was wir von Ihnen denken. Ja, sagte meine Mutter. Dann sei alles gesagt, war die Antwort. Der Hörer wurde aufgelegt und eine Freundschaft endete. Einfach so. Aus und vorbei. Für immer.

Die andere Freundin und ihr Mann riefen auch nie wieder an. Sie wolle sich melden, sagte sie mir kurz nach Silvester. Aber das tat sie nie. Nicht mal zu meinem Geburtstag Anfang Februar, wo sie immer anrief, all die anderen Jahre, solange ich mich erinnern kann.

Als mein Vater noch lebte, sagte meine Mutter oft, sie wünschte, sie würde sterben. Ich sagte, ich verstehe Dich und wir sprachen nicht weiter darüber. Als er starb, sagte sie es immer öfter und als es ihr plötzlich so viel schlechter ging, sprach sie täglich davon. Mehrmals.


Ich bot ihr an mich im Internet zu informieren. Sie sagte, Sterbehilfe sei in Deutschland verboten und in die Schweiz könne sie nicht, da sie die Wohnung nicht verlassen könne.

Dann würde sie einfach aufhören zu essen und zu trinken. Ich sagte ihr, das ginge nicht, denn dann würde sie schrecklich verdursten.

Ich machte mich schlau und fand heraus, dass Sterbehilfe in Deutschland sehr wohl möglich ist. Seit einem Urteil im Jahr 2020, das besagt, dass Suizid nicht strafbar ist und somit auch die Beihilfe dazu nicht. Ich nahm Kontakt auf, telefonierte mit Sterbehilfe-Vereinen. Sie wurde Mitglied, Anträge wurden verschickt. Aber es würde dauern. Monate. Die Zeit wolle sie nicht warten. Außerdem ginge es nur, wenn jemand voll zurechnungsfähig sei. Das war sie. Würde sie das auch noch in einigen Monaten sein, wenn ihre Krankheit weiter fortschreiten würde?

Sie war so verzweifelt, dachte über Schlaftabletten nach. Überlegte welche anderen Medikamente ihrem Leiden ein Ende bereiten würden. Ich wollte mich nicht strafbar machen indem ich ihr etwas besorgte, von dem wir nicht mal wussten ob es wirken würde.

Es kam eine nette Frau vom Frankfurter Palliativ-Team. Meine Mutter sagte ihr, dass sie über Verschiedenes nachgedacht habe. Auch nicht mehr zu essen und zu trinken. Ich sagte, was ich zuvor auch schon gesagt hatte. Das dies nicht ginge. Doch, das ginge, korrigierte sie mich. Sterbefasten sei machbar und auch nicht ungewöhnlich.

Also informierte ich mich wieder. Im Internet stieß ich auf Christiane zur Nieden. Sie hatte ihre Mutter beim Sterbefasten begleitet und ein Buch darüber geschrieben.

Ich fand ihre Nummer und rief einfach an. Sie wurde zu einem weiteren Engel auf meinem Weg. Auch sie habe ich nie persönlich getroffen. Sie bot mir an, mir mit Rat zur Seite zu stehen. Gab mir ihre Mobilnummer und sagte ich könne sie anrufen, immer, jederzeit, auch nachts. Und ich kontaktierte sie oft und sie schrieb mir viele tröstenden Worte, die mich und meine Familie zu Tränen rührten.

Am 2. Februar flog ich nach Ibiza und wollte eigentlich eine Weile bleiben. Wir hatten einen Urlaub gebucht, den wir dringend gebraucht hätten. Wir wussten bis zum letzten Tag nicht, ob wir fahren sollten. Meine Mutter bat mich, ihr zu versprechen, das wir fahren würden. Aber es wurde immer klarer, dass es sich falsch anfühlte und so sagten wir den Urlaub ab. Man konnte quasi den Stein fallen hören, der ihr vom Herzen fiel, als ich ihr mitteilte, das wir Urlaub in Deutschland machen würden und zu ihr kämen.

Sie hatte beschlossen, dass sie sterben würde.

Sie würde nicht mehr essen und trinken. Am liebsten sofort. Ich bat sie, zu warten bis wir da wären und bis ein Palliativ-Team, das mir zwischenzeitlich ihre Betreuung zugesagt hatte, komme würde. Sie reduzierte ihre Portionen und aß nur noch wie ein Spatz.

Ich packte meine Koffer, ohne zu wissen, wann ich wieder nach Hause fliegen würde, zum zweiten Mal in kurzer Zeit. Nur diesmal anders. Bewusst und nicht überraschend und ohne Hoffnung.


Tag 0: Donnerstag, der 09.02.2023


Da ist er. Der Tag, den ich am liebsten immer weiter vor mir hergeschoben hätte. Der Tag, an dem ich in meine alte Heimat fliege, um meine Mutter beim Sterben zu begleiten.

Ich hatte mein Leben lang Angst davor. Vor dem Tag, an dem sie nicht mehr da sein würde.

Erst gute drei Monate sind vergangen, seit mein Vater gestorben ist. Erst funktionierte ich, dann kam die Traurigkeit. Jeden Tag. Am schlimmsten trifft es mich immer im Auto, wenn Musik läuft und ich alleine bin. Ich denke seit Tagen darüber nach, dass ich mir vielleicht Hilfe suchen sollte, um den Verlust zu verarbeiten. Und nun auch noch meine Mama.

Ich denke, es wird mich zerreißen. Und ich habe Angst, dass ich daran zugrunde gehe. Dass ich unfähig sein werde zu leben, zu lieben, zu lachen.

Diese Angst nagt an mir, ist mein ständiger Begleiter.

Die Reise ist schrecklich und mir ist schlecht. Mein Magen. Zum Glück bin ich nicht alleine und Andy ist bei mir.

Irgendwas passiert mit mir. Ich denke, ich muss mich schützen und handeln, bevor es so weit ist. Deswegen bestelle ich mir Bücher. Viele Bücher. Über Trauer, über Tod und das, was danach kommt.

Bei meinem Vater passierte auch etwas. Auch wenn ich heute noch unsagbar traurig bin, denke ich zurück an diesen letzten Tag im Krankenhaus und die Erinnerung an dieses friedliche Gefühl, einen Tag vor seinem Tod gibt mir Kraft.

Am Flughafen schreibe ich mit Angela, einer Bekannten, ihre Mutter ist letzten Monat gestorben. Sie waren sich sehr nah. Aber sie spricht mit so viel Liebe und schönen Worten, dass sie mir Mut macht. Mut, dass es einen anderen Weg gibt als den, daran zu zerbrechen.

Im Flieger fange ich an eines der neuen Bücher zu lesen. Es geht um Nahtoderfahrungen und was danach passiert. In dem Buch steht, dass wir uns aussuchen, wie wir leben wollen und was wir lernen möchten in diesem Leben und dass wir immer eine Wahl haben.

Ich fange an, zu wählen. Ich möchte nicht zerbrechen. Ich möchte wachsen. Und so keimt ein Beschluss. Es wächst eine Hoffnung. Ich weiß, es wird hart und traurig sein, aber ich weiß, es kann auch ein Weg sein, den ich selbstbestimmt wählen kann.

In Frankfurt angekommen freue ich mich, dass meine Mutter noch ein wenig mit uns zu Abend isst. Sie isst nicht viel und trinkt auch nicht viel, aber es fühlt sich gut an. Am Abend gönnt sie sich noch ein Bier. Ein letztes.


Mamas letzte Reise beginnt:

Tag 1: Freitag, der 10.02.2023

Heute ist der Tag an dem meine Mutter aufhört zu essen. Konsequent ohne Wenn und Aber. Eigentlich möchte sie auch nicht mehr trinken. Ich bitte sie zu warten bis am Montag das Palliativ-Team kommt, da ich Angst habe, dass sie bis dahin vielleicht nicht mehr zurechnungsfähig ist. Ich habe keine Ahnung wie lange das dauern kann und Angst, dass es zu schnell geht. Lara kommt am folgenden Donnerstag und ich bitte Mama auch noch zu warte bis ihre Enkeltochter da ist. Aber das möchte sie nicht. Montag soll es losgehen, spätestens. Sie trinkt noch kleine Schlucke Wasser und sitzt für 30-60 Minuten im Rollstuhl in der Küche, dann klagt sie über Rückenschmerzen und möchte zurück in ihr Bett.

Die 24-Stunden-Pflegekraft hat zum 21.2.23 gekündigt und wir möchten dann niemanden mehr für die letzten Tage. Wir haben ihr noch nichts gesagt. Aber sie merkt, dass etwas nicht stimmt. Es fühlt sich komisch an. Sie möchte, dass Mama isst, aber das geht nicht.

Im Laufe des Tages gehe ich in den Keller und entdecke vier leere Weinflaschen, etwa 10 leere Bierflaschen und mindestens 1,5 leere Schnapsflaschen. Darunter eine, die ich meinem Vater mitgebracht hatte und die noch voll war als ich vor einer Woche ging. Schnell wird klar, die Pflegekraft trinkt und auch nicht wenig. Eigentlich sollten wir sie hinausschmeißen, aber das möchte meine Mutter nicht. Nicht nur, dass sie getrunken hat. An einem Abend, als sie mit meiner Mama alleine war, nahm sie Lorazepam und trank noch dazu. Nachts im Bett schrie sie und meine Mama wusste sich nicht zu helfen. Am nächsten Morgen kam der Pflegedienst und musste sie wecken. Sie wusste von nichts mehr. Kein Wunder.

Heute kommt Besuch. Karin, eine ehemalige Arbeitskollegin. Sie ist die Erste, der meine Mama es sagt. Ich habe es meinen Freunden erzählt. Aber niemand, der ihr nahe steht, wusste es, bis heute. Ich glaube, es hat ihr gutgetan. Mir tut es gut, darüber zu sprechen. Aber jeder ist anderes.


Tag 2: Samstag, der 11.02.2023

Ich besorge einiges in der Apotheke und in der Drogerie für sie, damit es nicht so schwer wird. Aber schwer wird es. Das steht fest. Sie braucht eine Sprühflasche, damit ihr Mund befeuchtet werden kann. Mundspray, Nasenspray, Augentropfen, einen Lippenpflegestift, einen Schnuller, den man mit gefrorenen Früchten befüllen kann und vieles mehr.


Es ist so schwer, sie leiden zu sehen, und sie leidet. Seit sie weiß, dass sie sterben will, leidet sie noch mehr unter dem Leben.

Wenn Papa noch da wäre, hätte sie das nicht gemacht, sagt sie. Das hätte sie ihm nicht antun können. Das fühlt sich seltsam an. Aber gut. Wer weiß, ob das so stimmt. Denn bettlägerig wollte sie nie werden und mein Papa hätte das alles auch nicht mehr geschafft.


Ingrid, eine Freundin, mit der sie immer Karten spielte, kommt am Nachmittag vorbei und auch sie erfährt es. Sie ist erst geschockt, aber dann reagiert sie wie alle. Mit Verständnis. Wie anders soll man auch sonst reagieren. Wer möchte schon so leben. Die Frage ist eher, wer hat den Mut, diesen Schritt zu gehen. Ich glaube, ich hätte ihn nicht.


Tag 3: Sonntag, der 12.02.2023

Sie ist tapfer, aber sie ist sehr schwach. Es scheint, als ob ihre Kräfte täglich weiter schwinden. An Weihnachten konnte sie noch etwas laufen. Vier Wochen später ging es nicht mehr. Und jetzt sitzt sie nicht mal mehr im Rollstuhl. Sie liegt nur noch im Bett. Vielleicht fühlt sich Sterben dann leichter an.

Ich bin sehr traurig darüber. Ich hätte gerne noch schöne Momente mit ihr gehabt und ich möchte für sie da sein, aber sie schläft viel und möchte oft alleine sein. Wenn sie wach ist lese ich ihr aus zwei Bücher vor, aber sie ist schnell davon erschöpft. Ein Buch über Nahtoderfahrungen und das andere über Sterbefasten von Christiane zur Nieden.


Tag 4: Montag, der 13.02.2023

Heute kommt das Palliativ-Team und sie hört auf zu trinken. Jetzt geht es also richtig los. Das Team war zweieinhalb Stunden da. Sie waren sehr nett und es fühlt sich gut an zu wissen, dass sie im Notfall rund um die Uhr erreichbar sind. Wir haben viel über Medikamente gesprochen und sie hat eine ganze Menge verordnet bekommen. Ziemlich starke Sachen.

Am liebsten würde sie sich gleich das Schmerzpflaster aufkleben. Ich bitte sie noch zu warten. Ich habe Angst, dass sie sonst nicht mehr ansprechbar ist. Es war schrecklich bei meinem Vater. Nicht zu wissen, was er noch wahrnahm.

Abends schaut sie Karneval im Fernsehen, wie auch schon die Tage zuvor. Ich finde es schrecklich langweilig und möchte das nicht sehen. Aber ich bin ja ihretwegen hier. Also schauen wir es zusammen.

Wir haben uns dazu entschlossen, der 24-Stundenkraft zu sagen, dass Mama sterben wird. Sie hat so geweint, dass ich sie trösten musste. Das fühlt sich surreal an.

Aber sie möchte bleiben. Bis zu dem Tag, an dem sie offiziell gekündigt hat. Und ich bin froh, dass immer jemand da ist. Ich weiß noch nicht, wie das ohne sie und ohne meinen Mann funktionieren soll.


Tag 5: Dienstag, der 14.02.2023

Ich habe so Angst vor dem, was danach kommt und ich darf gar nicht daran denken, dass ich die Wohnung auflösen muss, in der sie 50 Jahre gewohnt haben, in der ich groß geworden bin.

Ich habe den seltsamen Drang, so viel wie möglich vorher zu erledigen. Deswegen gehe ich heute mit meinem Mann zur Pietät. Es fühlt sich komisch an. Aber gerade fühlt sich alles komisch an.

Wir sprechen mit Mama auch über das danach. Sie sagt, sie möchte keine Trauerfeier und sie möchte, dass nur wir zum Friedhof kommen. Die Dame von der Pietät, sagt, das sei egoistisch, denn wir wären es, die trauern, und wir hätten ein Recht darauf, mit Menschen, die uns nahe stehen, zusammen zu trauern.

Ich empfand es auch tröstlich, dass Freunde und Bekannte bei der Beerdigung meines Vaters waren.


Sie möchte gerne etwas zur Beruhigung. Ich gebe ihr Tavor Expedit, das ist Lorazepam als Oblate, die im Mund schmilzt, dafür braucht sie kein Wasser. Sie solle mit einer Halben anfangen. Aber Mama will unbedingt eine Ganze. Scheinbar wirkt es nicht wirklich. Sie ist ganz normal und ansprechbar, was mich sehr freut.


Abends gibt es wieder Fasching und ich halte tapfer durch, aber viel lieber hätte ich Zeit bewusst mit ihr verbracht.


Tag 6: Mittwoch, der 15.02.2023


Abreisetag. Mein Mann hat heute seinen Rückflug. Gerne möchte ich die letzten Momente mit ihm verbringen. Er ist mein Anker in dieser schweren Zeit und mir wird schwer ums Herz, wenn ich daran denke, dass er meine Mutter vielleicht nicht mehr sehen wird.

Dann die Nachricht, der Flug ist gecancelt. Ich versuche umzubuchen, da er morgen einen wichtigen Termin hat, und bin Stunden am Telefon. Zwischendurch kommt immer wieder die Hoffnung, dass er bleiben muss und keinen Flug bekommt. Der ganze Flughafen steht still, wegen eines kaputten Kabels. Und er braucht nicht nur einen Flug, sondern einen, zu dem er noch einen Anschlussflug buchen kann. Im Winter gibt es keine Direktflüge von Frankfurt nach Ibiza. Viele Gespräche später ist er umgebucht nach Barcelona. Aber meine Nerven sind am Ende und er reist ab.

Es zerreißt mir das Herz. Ich bin schrecklich traurig. Wir haben so viele schöne Erinnerungen mit meinen Eltern und jetzt ist er weg und sieht sie nie wieder. Und der blöde Stress mit Lufthansa hat es auch nicht einfacher gemacht.

Er geht extra früh, wegen des Chaos am Flughafen. Als er kurz vorm Einchecken ist, kommt die Nachricht, dass der Flug gecancelt wurde.


Dann hänge ich wieder am Telefon. Aber es gibt keine Flüge mehr. Nicht heute, nicht morgen und am Freitag ist Streik. Also bleibt er bis Samstag. Gott sei Dank.

Joe, einer ihrer ältesten Freunde, kommt auf Besuch. Es ist seltsam, keiner weiß, was er sagen soll, und Mama ihm nichts vom Sterbefasten.


Später hat sie nochmal über die Beerdigung gesprochen und sagt, es sei ihr egal, ob es eine Trauerfeier gäbe. Sie wolle nur nicht, dass ihre ehemals besten Freunde kommen. Da ist sie sich ganz sicher. Das fühlt sich falsch an für sie. Erst wollte sie auch nicht, dass ihre Tochter aus erster Ehe kommt, und auch nicht, dass ich ihr sage, wenn sie gestorben ist. Aber das sei ihr eigentlich egal. Ich könne es ihr sagen, sie könne auch kommen. Aber verziehen hat sie nicht. Keinem. Und schon gar nicht den Freunden, die keine mehr sind.

Es tut mir so leid für sie, dass sie zu dem Schmerz und Leid, den sie ertragen muss, auch diesen Verlust noch erleben muss. Es hat sie sehr geschmerzt und verletzt und vielleicht wäre ihre Geschichte etwas anderes verlaufen, wenn sie an Silvester nicht alleine gewesen und nicht gestürzt wäre. Aber letztendlich ist die Krankheit ein fieser Begleiter und es musste wohl so kommen wie es kam.

Heute hat meine Mama ein Schmerzpflaster benommen. Das sind Schmerzmittel, die viel stärker als Morphium sind und die einen sehr benommen machen. Meine Freundin Nicole kommt kurz vorbei und liest in der Beschreibung, dass man das Pflaster auch als Methadon Ersatz nutzt.

Erst merkt sie gar nichts. Abends nimmt sie noch eine Tavor und ist total apathisch. Sie hat kaum noch Stimme. Sie will nichts. Nicht reden, nicht, dass ich ihr vorlese, kein Fernsehen. Irgendwann mache ich ihr den Fernseher doch an und es läuft wieder eine Faschingssendung. Aber sie lacht nicht und spricht nicht und ist wie ein Geist. Sehr gruslig. Nicole sagt, sie müsse sich erstmal an das Schmerzpflaster gewöhnen. Ich weiß nicht, ob sie es überhaupt bräuchte. Ich kann ihre Schmerzen nicht einschätzten. Aber ich denke, sie möchte nicht mehr alles wahrnehmen und ist froh, dass sie weg gedröhnt ist. Hoffentlich bleibt das nicht bis zum Ende so. Ich hatte gehofft, wir hätten noch schöne Momente zusammen. Sie würde noch mit uns in der Küche sitzen und wir würden über alte Zeiten und Erinnerungen sprechen.

Aber wahrscheinlich ist das so, wenn man sterben will. Dass man nicht mehr aufstehen und da sein möchte. Ich hatte mir das leider anders vorgestellt.


Tag 7: Donnerstag, der 16.02.2023


Der Tag fängt an, wie alle anderen. Kaum die Augen auf muss ich funktionieren. Bring mir dies, mach das. Sie möchte Wasser für die zwei Tabletten, die sie morgendlich noch nimmt. Die anderen zwei sind schon abgesetzt. Mit halb geöffneten Augen und im Halbschlaf eile ich, um ihr das Glas zu bringen. Dann motzt sie mich an. „Das ist ja Leitungswasser. Ich wollte Sprudelwasser.“ Die Sicherung reißt und ich motze zurück. Ich renne und mache und dann werde ich wegen eines falschen Glas Wasser angegangen. Ich ziehe mich zurück, brauche einen Moment Ruhe für mich. Es tut weh, wenn man sein Bestes zu geben versucht und dann wegen einer scheinbaren Lappalie angemotzt wird. Ich bin wütend, obwohl ich es nicht sein möchte.

Etwas später weint sie leise. Was los sei, frage ich. Sie sagt, sie habe sich so auf einen Schluck Sprudelwasser gefreut und dann hätte ich auch noch mit ihr geschimpft. Autsch. Das tut jetzt richtig weh. Es tut mir so leid. Konnte ich ja nicht ahnen, welche Bedeutung das für sie hatte. Aber früh morgens schon so unfreundlich angemotzt zu werden, ist leider auch nicht leicht. Ich entschuldige mich später nochmal bei ihr, weil ich nicht möchte, dass es in der Luft hängen bleibt.


Heute kommt meine Tochter kommen. Ein weiteres Drama. Sie fliegt nach Mallorca, um dort den Anschlussflug nach Frankfurt zu nehmen. Aber sie kann nicht einchecken. Bei der Umbuchung der Flüge hatte Lufthansa vergessen den Differenzbetrag abzubuchen und ist es nicht mehr möglich. Ich bin kurz vorm Nervenzusammenbruch. Morgen wird gestreikt, Samstag gibt es keine Flüge mehr und wer weiß, ob Mama am Sonntag oder Montag noch ansprechbar ist. Ich telefoniere mir das Ohr wund und habe mit dem letzten Anruf Glück. Wäre der Flieger pünktlich gewesen, hätte sie es nicht geschafft. So kommt sie rennend zum Gate und in letzter Minute noch in den Flieger.


Okay, Pause, denke ich. Der Pflegedienst kommt und wir geben ihr ein Zäpfchen. Aber sie kann nicht. Dann liegt sie im Bett. Diese tapfere Frau, die nie Schmerzen hatte und weint vor Schmerzen. Sie möchte nicht, dass ich ihr alleine mit der Pflegekraft helfe, auf den Toilettenstuhl zu kommen, weil sie Angst hat, ich schaffe das nicht.

Zum Glück ist mein Mann noch in Frankfurt. Er kommt 45 Minuten später und endlich passiert es und die Schmerzen lassen nach. Es tut so weh, einen geliebten Menschen leiden zu sehen.


Abends ist der einzige Moment, wo sie den Fernseher anschaltet. Früher hat sie immer zwei Filme, am liebsten Krimis, geschaut. Jetzt möchte sie nur noch Faschings-Sitzungen sehen. Schon wieder. Meine Tochter und ich setzen uns zu ihr. Mein Mann klinkt sich aus. Nach etwas über einer Stunde schläft sie. Es war ihr zu anstrengend. Das liegt auch an den Tabletten.


Tag 8: Freitag, der 17.02.2023


Kein Tag ohne Katastrophen. Früh morgens ist die Post schon da. Ein Brief von der Krankenversicherung, dass sie die Kosten des Palliativ-Teams erstmal ablehnen würden, da noch Unterlagen fehlen, und dass sie etwaig entstandene Kosten nicht übernehmen würden. Ich hoffe, das es sich regeln lässt. Da zu wissen, dass jemand da ist wenn man ihn braucht, sehr beruhigend ist.

Scheinbar sind sie schon miteinander in Kontakt und regeln das, hoffentlich.


Meine Mutter ist schon so viel schwächer geworden. Kurz nachdem sie wach wird, will sie eine Tavor und weiter schlafen. Und wenn sie mal wach ist, möchte sie den Mund befeuchtet haben und weiter nichts. Reden strengt sie an und ihre Stimme ist sehr schwach geworden.


Um 10:30 Uhr schicken wir die 24-Stunden-Pflegekraft zum Spazierengehen. Irgendwann wird meine Mutter ungehalten und fragt, wo sie denn bleibt. Dann ist die Windel voll. Ich habe sie noch nie gewechselt und keine Ahnung von Taktik und Vorgehen. Ich rufe die Pflegekraft an, aber sie versteht mich nicht. Versteht wohl auch nicht, dass es mal wieder an der Zeit ist umzukehren. 6 Stunden später kommt sie und auf einmal findet meine Mama ihre Stimme wieder. Sie wird laut. Sehr laut. Die Pflegekraft hat nicht wirklich viel zu tun. Kochen braucht sie nicht mehr und die meiste Zeit ist sie in ihrem Zimmer und hat Kopfhörer auf. Das war wohl schon so, als sie alleine waren.

Sie ist beleidigt, geht kommentarlos in ihr Zimmer, nur um 30 Minuten später herauszukommen und uns zu sagen, sie reise ab. Jetzt sofort. Super. Kurz vorher war die Welt noch in Ordnung und eine Ansage und Madame ist beleidigt. Toller Zeitpunkt, Freitagnachmittag, wenn keiner mehr zu erreichen ist. Aber da sie sowieso am Dienstag gehen wollte, ist ab dann mehr Einsatz vom Pflegedienst geplant.

Nachdem sie gegangen ist, räumen wir das Zimmer auf, finden Ohropax, wohl damit sie nachts besser schlafen konnte und nicht von meiner Mama gestört wird. Wir sind sprachlos.

Nachdem der erste Schreck sich gelegt hat, sind wir froh, dass sie gegangen ist. Es wird ruhiger und familiärer werden. Ich denke, das ist gut für das, was vor uns liegt.

Außerdem war die Wohnung, in der meine Eltern all die Jahre lebten, nicht mehr so wie sie mal war. Alles war an einem anderen Platz. Überall in der Küche standen die Türen und Schubladen auf. Besteck und Schüsseln hatten ihren Platz gewechselt. Ich dachte, das macht nichts, da es ja sowieso egal sei, aber das stimmt nicht. Es fühlte sich falsch an. Jetzt kehrt wieder Ordnung ein und für die letzten Tage soll es so sein, wie es immer war.


Abends setzten meine Tochter ich uns zu meiner Mama. Der Fernseher ist an. Karneval, mal wieder. Sie schaut zu, aber irgendwie freudlos und wir schlafen fast ein. Irgendwie sind wir froh, als sie um 22:00 Uhr eine Schlaftablette möchte, dass sie nicht bis zum Ende um 0:00 Uhr gewartet hat.


Mein Mann schläft und wir bleiben noch etwas auf. Wir erzählen viel und schließlich lachen wir. Das weckt meine Mutter auf und sie denkt, wir haben geweint. Irgendwie fühlt es sich falsch an zu lachen, aber man kann nicht den ganzen Tag traurig sein. Und das sind wir ja fast die ganze Zeit.


Tag 9: Samstag, der 18.02.2023


Heute fliegt mein Mann nach Hause. Er war eine große Unterstützung. Körperlich bei der Hilfe mit Mama und seelisch. Es tat gut, ihn bei mir zu haben. Er half immer, sie auf den Toilettenstuhl zu setzten. Da sie kein Leichtgewicht ist und so viel Angst hat, wollte sie immer, dass er hilft. Nun muss es auch so gehen. Sie nutzt immer mehr die Windel, da sie nicht mehr aufstehen mag.


Sie ist noch schwächer geworden. Ihre Stimme ist so leise.

Es gibt so wenig, was ich für sie tun kann und sie schläft viel. Sicher auch wegen des Lorazepam.

Es sind kleine Momente, in denen ich ihr etwas Gutes tun kann, ihr etwas Wasser, Saft oder Bier in den Mund spritze oder ein paar tiefgefrorene Himbeeren in den Schnuller gebe. Ich denke, es ist gut, dass ich da bin, dass wir da sind. Gut, dass sie zu Hause in Frieden gehen kann. Die 24-Stunden-Pflegekraft hatte nur dann etwas für sie getan, wenn sie danach fragte, und meist hat sie es ja gar nicht gehört, da sie Kopfhörer oder Ohropax in den Ohren hatte.


Sie hat nur noch wenig Kraft. Ihr Gesicht ist eingefallen, ihre Haut ist trocken und schlapp. Es tut weh, sie so zu sehen. Alles strengt sie an. Mir blutet das Herz. Ich frage sie, ob sie es bereut. Nein. Da ist sie ganz entschieden. Ich weiß ja, dass sie nie so leiden, nie so hilfsbedürftig sein wollte. Aber mein Herz und mein Verstand sprechen verschiedene Sprachen. Ich weiß, dass sie auch so nicht mehr viel Zeit gehabt hätte und dass es nur in eine Richtung gegangen wäre. Aber es tut dennoch weh.


Während sie schläft, haben wir viel Zeit. Ich habe erstmal die Wohnung wieder einigermaßen so hergerichtet, wie sie war.


Dann schauen wir die Schränke durch. Es fühlt sich seltsam an. Aber am Ende, das bald kommen wird, muss alles raus. Muss alles einmal in die Hand genommen werden. Und so ist es einfacher für mich. Ich glaube, ich möchte einfach so schnell wie möglich nach Hause, wenn sie nicht mehr da ist. Und ich denke, dann bin ich froh über alles, was ich zuvor erledigt habe.


Abends gibt es wieder Fasching. Unglaublich, dass es das jeden Tage gibt. Aber um 22 Uhr schläft Mama. Bis 1:30 Uhr schauen wir Bilder an und sortieren aus, was wir behalten und was wir verschenken wollen. So viele Bilder, so viele Erinnerungen. Wir lachen und wir weinen zusammen. Es wird eine kurze Nacht.


Tag 10: Sonntag, der 19.02.2023


Faschingssonntag. Fast den ganzen Tag läuft der Fernseher. Fasching von mittags bis abends. Sie weint oft. Vielleicht möchte sie nicht sagen, warum oder es gibt einfach keinen Grund.


Sie nimmt abends eine Schlaftablette, 10 mg Zolpidem. Diese Dosierung hat sie, seit das Palliativ-Team da war. Aber es wirkt nicht. Eine Stunde später sagt sie, sie möchte noch eine Tavor. Ich sage ihr, dass es noch zu früh ist. Zwei Stunden später das Gleiche nochmal. Diesmal erwidere ich nichts und gebe ihr die Tablette. Um 0:00 Uhr schläft sie ein.


Tag 11: Montag, der 20.02.2023


Sie hat bis 07:00 Uhr durchgeschlafen und wieder scheint sie etwas schwächer zu sein. Reden strengt sie an und sie spricht nur, um zu sagen, was sie möchte. Etwas Wasser gesprüht, in den Mund oder aufs Gesicht. Einen Waschlappen mit kaltem Wasser befeuchtet.

Ihr Ton hat etwas Anklagendes. Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, als müsse ich mich schuldig fühlen. Lara geht es auch so. Als wären wir an ihrer Misere schuld. Bei mir geht es noch weiter, ich fühle mich schlecht, wenn ich nicht bei ihr bin, sondern in einem anderen Zimmer oder wenn ich das Haus verlasse.

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Das tut weh. Es ist so schon schwer genug, aber das macht es noch schwerer.


Sie weint oft. Es kommt mir vor, als ob sie nicht alles verstünde, weil sie so schwach ist. Der Schein trügt.

Ich telefoniere mit dem Pflegedienst, um die neue Situation zu besprechen, und möchte wissen, ob sie drei oder viermal täglich kommen. Obwohl ich im andern Zimmer bin, hat sie das Gespräch mitbekommen und es falsch verstanden. Sie behauptet anklagend, ich hätte gesagt, der Pflegedienst bräuchte abends nicht mehr zu kommen. Ich verstehe, dass es ihr schlecht geht und ich mag gar nicht dran denken, wie es sich für sie anfühlt. Aber es verletzt mich, dass sie nicht sieht, was wir für sie tun, sondern nur, was nicht richtig läuft. Wenn sie etwas möchte, ist sie fordernd und spricht in einem Befehlston, der uns das Gefühl gibt, das was wir tun ist nicht genug. Dabei geben wir unser Bestes.


Tag 12: Dienstag, der 21.02.2023


Mama hat in der Nacht den Umständen entsprechen viel getrunken. Drei kleine Becher. Aber sie weiß es nicht mehr. Ich habe ihr immer etwas für den Notfall hingestellt und wenn ich wieder zu ihr kam, war es leer. Sie soll natürlich trinken, wenn sie es möchte. Aber sie will ja eigentlich nicht und sie erinnert sich nicht mehr wegen der Medikamente. Das ist irgendwie kontraproduktiv.


Nachmittags kommt eine Theologin vom Palliativ-Team. Eher in der Funktion einer Psychologin. Mama kostet es viel Kraft zu sprechen und sie weint wieder viel. Sie wolle sterben, so schnell wie möglich. Aber sie ist traurig. Angst vor dem Sterben hat sie nicht, Die einzige Angst, die sie hat ist, dass es zu viel für mich wird. Ich habe ja erst meinen Vater verloren. Auch weil sie mir das aufgebürdet hat, denke ich. Aber es ist keine Bürde. Ich habe mich dazu entschlossen, diesen Schritt mit ihr zu gehen.

Und sie hätte ihre Enkel gerne heiraten gesehen.

Auf die Frage ob sie uns etwas mitgeben möchte, antwortet sie, dass sie sich wünscht, dass wir immer ehrlich sind, sowohl zu uns selbst als auch zu anderen.


Die letzten Tage war sie bis 22:00 Uhr wach. Aber sie schläft immer mehr und möchte schon um 20:00 Uhr eine Schlaftablette.


Tag 13: Mittwoch, der 22.02.2023


Morgens im Bett denke ich nach. Es tut mir so leid, dass meine Mutter so traurig ist. Ich hoffe, ich kann sie etwas trösten und beschließe stark zu sein. Für sie, für mich, für das Leben. Ich werde traurig sein, das bin ich jetzt schon. Aber ich werde stark sein und meinem Herzen sagen, dass es auf den Verstand hören soll. Das Leben ist zu kostbar, um zu zerbrechen, und die Menschen, die mich lieben, sollen nicht noch mehr leiden.


Ich hoffe, dass ich stark bleiben werde. Aber ich habe so viel geschafft, die letzten Monate. Das werde und muss ich auch hinbekommen.


Tag 14: Donnerstag, der 23.02.23


Was für eine Nacht! Ich bin fix und fertig. Gestern Abend um 19:45 Uhr wollte Mama schon schlafen und ihre Schlaftablette haben. Zwei Stunden später war sie wieder wach und ich gab ihr noch eine Tavor. Alle paar Stunden war sie wieder wach. Sie wollte Tabletten, hat aber schon alles bekommen, was ich ihr geben konnte. Ich glaube, sie wollte die Tabletten nur, damit sie etwas Wasser trinken konnte. Sie hat so schrecklichen Durst. Später wusste sie dann nicht, dass sie schon getrunken hatte.


Heute Morgen sagt die Pflegekraft, wenn sie trinkt, kann es sich noch um Wochen hinziehen. Sie war so tapfer am Anfang. Aber jetzt ist der Durst so groß.

Ich glaube, ich schlafe gleich hier und jetzt in der Küche am Tisch wieder ein. Es ist schon schwierig genug, wenn jetzt noch Schlafmangel mein täglicher Begleiter wird, dann weiß ich auch nicht, wie ich das durchhalten kann. Zum Glück kommt später das Palliativ-Team. Ich hoffe, sie haben eine Lösung.


Eine richtige Lösung gibt es wohl nicht. Mamas Blutdruck ist sehr schwach. Das kann dazu führen, dass die Tabletten nicht richtig wirken. Sie bekommt jetzt die doppelte Menge des Schmerzpflasters, das sie auch schläfrig und müde macht.

Sie tut mir so leid und sie ist so traurig. Ich möchte sie nicht loslassen, aber ich wünsche ihr, dass sie es bald geschafft hat.


Der Palliativ-Arzt bestätigt auch, dass das Trinken den Sterbeprozess verlangsamen kann. Aber es kann auch schnell gehen, weil ihr Blutdruck so schwach ist, ihr Herz nicht fit und die Durchblutung auch nicht gut ist.


Abends möchte sie eine Schlaftablette, nur um ca. 3 Stunden später wieder wach zu sein. Als ich zu ihr gehe, weint sie. Ich frage, warum und sie sagt, weil sie so Durst hat. Das geht mir sehr nah. Ich gebe ihr schnell etwas zu trinken und ein Beruhigungsmittel. Kurz darauf schläft sie ein.


Für Sonntag war Laras Rückflug gebucht. Wir besprechen die Lage und sie beschließt bis zum Ende da zu bleiben. Ich bin froh, dass sie an meiner Seite und so tapfer ist.


Tag 15: Freitag, der 24.02.2023


Ich denke, Mama hat durchgeschlafen. Ich bin zumindest nicht wach geworden. Aber ich war auch sehr erschöpft nach der vorherigen Nacht.


Sie ist wieder schwächer. Ich weiß nicht, ob es an dem extra Pflaster liegt oder daran, dass es der Lauf der Dinge ist. Aber sie kann kaum ihre Tasse halten, sich nur noch sehr schwer auf die Seite drehen und auch ihre Worte werden weniger. Ich mache mir bewusst, dass das Ende nah ist, und obwohl das immer das Ziel war, tut es unendlich weh. Aber ich weiß, dass es für sie keine Alternative gibt und damit tröste ich mich. Leider funktioniert es nur nicht immer.

Es ist mein Egoismus, der mich leiden lässt. Denn ich bin es, die sie vermissen wird an einem Ort, an dem sie nicht mehr sein möchte. Und sie wird frei sein von ihrem Leid und es wird eine Erlösung für sie sein. Darin war und ist sie ganz klar.


Sie möchte Wasser und sie leidet. Sie ist schwach, traurig und ein einziges Häufchen Elend. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht mit diesem Leid. Nicht mit dieser Traurigkeit. Aber sie ist entschlossen. Obwohl es scheint, dass ihr Wille nicht mehr da ist. Gebrochen. Irgendwie. Aufgeben möchte sie nicht. Nur viel zu viel trinken. Ich sage ihr, dass sie haben kann, was sie möchte, dass es aber sehr viel länger dauern kann, als erwartet, wenn sie trinkt. Sie spricht kaum, aber dann sagt sie, der Palliativ-Arzt hätte gesagt, es dauert nicht mehr lange. Erstaunlich, was sie alles weiß, wahrnimmt und speichert. Aber dass er auch gesagt hat, dass es dauern kann, wenn sie trinkt hat sie nicht gehört.


Wenn sie es nochmal tun würde, wäre ich wieder an ihrer Seite. Ich bin für sie da, wie sie da war, als ich sie brauchte. Ohne Wenn und Aber. Auch, wenn es schmerzt.



Tag 16: Samstag, der 25.02.23


Gestern hat sie nochmal mehr getrunken als am Tag zuvor. Sie leidet schrecklich unter Durst und ich weiß nicht, ob sie wirklich weniger trinkt vor dem Sterbefasten. Als sie noch nicht beschlossen hatte sterben zu wollen. Sie trank damals sehr wenig und hatte so gut wie keinen Durst.

Meine Mutter ist sich nicht im Klaren darüber, ob sie möchte, dass Besuch kommt und es ist ein einziges Hin und Her. Ich glaube, sie weiß selbst nicht, wie sie damit umgehen möchte. Nachmittags kommt Sigrid, eine alte Kollegin vom Arbeitsgericht. Sie hat einen Kuchen gebacken, für Lara und mich. An uns müsse ja auch jemand denken. Wir sind sehr gerührt.

Sie geht zu Mama und fragt sie, ob sie möchte, dass sie für sie singt. Zu unserer Überraschung sagt sie ja. Sie hat ihre Gitarre dabei und singt „Guten Abend, gute Nacht“ und „Those where the days my friend“. Sie hat eine wundervolle Stimme und letzteres Lied hatte sie früher öfter im Garten gesungen, wenn ihre Kollegen auf Besuch kamen und als die Welt noch in Ordnung war. Wir müssen weinen. Und es sind ganz wundervolle Momente. Ich bin sehr froh, dass sie kommen durfte.

Etwas später kommt meine liebe Freundin Nicole. Sie fährt am Montag in den Urlaub und wir wissen nicht, ob wir noch hier sind, wenn sie wieder kommt. Sie bleibt 5 Stunden. Wir sitzen zu Dritt in der Küche und es ist ein toller, entspannter Abend, der uns wieder etwas Leichtigkeit bringt.


Tag 17: Sonntag, der 26.02.23


Kurz nach 0:00 Uhr war Mama wach und es ging ihr wieder nicht gut. Sie wollte eine Tablette, die sie ruhiger macht und sagte, ich hätte ihr zwei gegeben. Das meinte sie zweimal, obwohl sie so wenig spricht und es sie viel Kraft kostet zu sprechen. Es tut mir sehr weh. Es fühlte sich an, als hätte sie mich beschuldigt, ihr etwas Böses getan zu haben. Dabei möchte ich nur, dass sie nicht leidet. Aber dieses Gefühl habe ich öfter. Wenn sie Durst hat und ich ihr nur kleine Mengen Wasser gebe, denke ich, ich tue ihr etwas Schlechtes. Dabei weiß ich, dass es ihr Wille ist nicht zu trinken. Ich werde so traurig, dass ich weinen und aus dem Schlafzimmer gehen muss. Ich weiß, dass sie nicht mehr meine Mama ist, wie sie es einmal war und dass sie sicher nichts Böses sagen wollte, dennoch tut es sehr weh.


Erst gegen 01:00 Uhr ging ich schlafen, viel später als geplant. Eigentlich hatten wir besprochen, dass ich früher schlafen gehe und Lara länger aufbleibt. So, dass sie nur etwa 4 Stunden in der Nacht hat, in denen wir beide schlafen.

Sie brauchte sehr lange, bis sie ruhig wurde. Ich war etliche Male wach in der Nacht, weil ich so unruhig schlief und um 06:00 Uhr war meine Mama wieder wach. Sie sagte, sie habe Schmerzen, schläft dann aber wieder ein und 2 Stunden später, als der Pflegedienst kommt, sind die Schmerzen weg.


Ich glaube, Mama ist jeden Tag ein bisschen weniger. Jeden Tag wird sie schwächer und hat weniger Kraft.

Ich bereue nicht, dass ich ihr zur Seite stehe, aber ich hatte es mir so anders vorgestellt. Christiane erzählte von ihrer Mutter und sie war so positiv bis zum Ende. Irgendwie ging ich davon aus, dass meine Mutter es auch sein würde. Sie war, und ist so 100-prozentig überzeugt von ihrem Tun, dass ich nicht dachte, dass sie es so leidvoll erleben müsste. Somit ist es auch für mich und für Lara sehr viel schwerer. Aber scheinbar ist Leben und Sterben nicht immer leicht.


Den ganzen Tag klagt sie über Schmerzen. Meist im Rücken oder überall. Sie spricht kaum und sehr unverständlich und viele Informationen bekommen wir nur über Ja- oder Nein-Fragen oder gar nicht. Wir waren kurz davor, das Palliativ-Team anzurufen, wollen aber bis morgen warten. Sie schläft viel und trinkt auch weniger als die letzten Tage. Vielleicht sind es ja ihre letzten. Der Gedanke tut weh. Aber das ist sie nicht mehr, obwohl sie es doch noch ist.


Es ist kurz vor Mitternacht und ich werde mir immer mehr bewusst, dass das Ende kurz bevor steht. Sie ist in eine andere Phase übergegangen, sie ist leiser, schwächer und weniger durstig. Sie leidet noch immer. Klagt oft über Schmerzen und kurz darauf sind sie wieder weg. Ich glaube, viel Zeit bleibt ihr nicht mehr.


Tag 18: Montag, der 27.02.23


Gestern dachte ich, die Nacht wäre schrecklich gewesen. Aber diese war noch viel schlimmer. Mama hat ruhig geschlafen. Ich hingegen war jede Stunde wach. Von 01:00 Uhr bis 06:30 Uhr. Und in den kurzen Schlafphasen hatte ich furchtbare Träume. Alles drehte sich um Pfleger, Windeln und Einkäufe. Ich war ein paar Mal auf, um nach ihr zu sehen, aber sie schlummerte friedlich.

Dadurch, dass sich ihr Zustand verschlechtert hat, habe ich viel Angst um sie und Angst, nicht wach zu werden, wenn sie mich brauchen sollte. Heute Morgen stach es dann in meinem Herzen und mein Blutdruck war ungewöhnlich hoch.


Jetzt sitze ich an ihrem Bett und sie versucht immer wieder an den Bettgalgen zu greifen. Ich denke, um sich umzudrehen, was sie nicht mehr schafft. Immer wieder helfe ich ihr, ihre Hand an den Griff zu bekommen, da sie auch das alleine nicht schafft. Es erinnert mich so an meinen Vater. Nachdem er von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt wurde, griff er den ganzen Tag nach diesem Griff.

Unfassbar, dass sie beide die letzten Tage im Bett, angewiesen auf fremde Hilfe, verbringen mussten. Sie waren immer selbständig und selbstbestimmt und wollten nie zum Pflegefall werden. Und dann gleich beide. Meine Mama wenigstens zu Hause. Und zum Glück beide nicht für allzu lange Zeit.


Tag 19: Dienstag, der 28.02.23


Um 5:00 Uhr höre ich meine Mutter. Als ich nachschauen gehe, liegt sie quer im Bett, mit dem Kopf auf dem Bettgitter, das wir auf einer Seite zur Sicherheit hoch gemacht haben. Ihre Beine liegen auf dem Bett, das direkt neben ihrem steht. Sie hat Schmerzen am Kopf und es ist mir unbegreiflich, wie sie sich um 90 Grad drehen konnte. Zum Glück ist Lara da. Alleine würde ich sie nicht wieder richtig ins Bett bekommen. Und zum Glück haben wir das Gitter hoch gemacht, sonst hätte sie mit dem Kopf aus dem Bett gehangen.


Heute sind es vier Monate, seit mein Vater gestorben ist.

Ach Papa, ich vermisse Dich so. Und bald wird Mama bei Dir sein.


Ich habe jetzt angefangen „Mama, ich habe Dich lieb“ zu sagen, wenn ich aus dem Zimmer gehe. Vielleicht werden das auch meine letzten Worte an sie. Ich habe das Gefühl, sie ist schon wieder etwas weniger geworden.

In dem Buch „Die fünf Einladungen“ von Frank Ostaseski habe ich gelesen, wie viele Hospiz-Bewohner sich verändern, am Ende ihres Lebens. Wie aus starken Menschen schwache und aus harten Menschen weiche werden. Der Autor denkt, es seien unterdrückte Seiten, die man während des Lebens nicht ausleben konnte, da es die Umstände und Umwelt nicht zugelassen haben. Vielleicht erklärt das, warum meine Mutter, die immer stark war, nie Schmerzen hatte und nie klagte, plötzlich so verletzlich, weinerlich und leidend ist. Vielleicht meinte sie, immer stark sein zu müssen und ist es nun nicht mehr.


Heute klingelt den ganzen Tag das Telefon und alte Arbeitskollegen und Freunde rufen an, um zu fragen, wie es ihr geht. Einige wissen von ihrem Zustand, anderen erzähle ich davon. Petra, eine alte Kollegin, kommt spontan am Nachmittag vorbei und möchte sie nochmal sehen, möchte sich verabschieden. Man könnte meinen, Mama versteht nichts mehr, aber das stimmt nicht. Sie ist nur zu schwach, um zu reagieren. Sie weint, als Petra da ist. Zumindest sieht es so aus, denn Tränen hat sie keine mehr. Dafür fehlt ihr die Flüssigkeit. Aber es ist schön, dass ihre ehemaligen Kollegen und Freunde an sie denken.

Petra hat eine schöne Duftkerze mitgebracht und Blumen. Ich glaube nicht, dass sie die Blumen noch erkennt. Aber wir haben uns gefreut und den Duft kann sie riechen, auch wenn sie es vielleicht nicht zuordnen kann.


In den zwei Stunden, in denen wir täglich aus dem Haus können, machen Lara und ich, wie fast jeden Tag, einen Spaziergang im Park. Die Sonne scheint und ich denke, ich könnte meine Mama anrufen. Es ist wie der Bruchteil eines Gedankens. Dann wird mir klar, dass ich sie nie wieder anrufen kann. Und dieses unendliche NIE tut so verdammt weh. Und alle meine positiven Gedanken nutzen nichts. Ich weiß, dass sie nicht mehr hier sein möchte und dass es egoistisch von mir ist, aber es tut trotzdem so weh.


Tag 20: Mittwoch, der 01.03.23


Heute war wieder einer dieser Tage ohne viel Schlaf. Morgens um 5:17 Uhr habe ich meine Mutter „Stefanie“ rufen gehört. Was absurd ist, denn dazu hat sie gar nicht mehr die Kraft. Dennoch bin ich wach und gehe nach ihr schauen. Aber sie liegt friedlich im Bett und schläft.


Oft denke ich, ich hätte mehr tun können. Mehr an ihrem Bett sitzen können. Wäre ich alleine hier gewesen, wäre ich wahrscheinlich mehr an ihrer Seite gewesen. Aber ich bin froh, nicht alleine zu sein. Lara und Andy sind mir eine große Hilfe in diesen Tagen, die ich nicht missen möchte.


Ihre Augen gehen nicht mehr zu. Sie schläft mit offenen Augen, die gerötet sind. Sie blinzelt auch nicht. Ich stelle mir das sehr unangenehm vor und gebe ihr immer öfter Augentropfen.

Sie sieht sehr gequält aus, auch noch im Schlaf. Ich frage mich immer wieder, ob sie es dennoch gemacht hätte, wenn sie gewusst hätte, wie viel Leid sie erwartet. Aber so lange sie noch sprechen konnte, war sie sicher und bereute nichts. Ich denke, dass sie es trotzdem gemacht hätte. Ich auch. Nur war ich nicht auf ihr Leid vorbereitet und es tut mir einfach weh, sie leiden zu sehen.


Es ist ein anstrengender Tag. Mir fehlt Schlaf. Ich muss mit dem medizinischen Dienst telefonieren, eine Ärztin vom Palliativ-Team kommt für 1,5 Stunden und kurz zuvor kommt ihre alte Kollegin Marion vorbei. Ich falle später total erschlagen ins Bett und schlafe endlich mal gut.


Tag 21: Donnerstag, der 02.03.23


Ich glaube, es geht dem Ende zu. Heute Morgen war sie sehr unruhig und jetzt kann sie fast den Mund nicht mehr öffnen, um ihn sich befeuchten zu lassen. Sie kann ihre Augen nicht mehr schließen und ihr Blick ist glasig. Sie erinnert mich seit Tagen an ein Vögelchen, das noch keine Federn hat und zu früh aus dem Nest gefallen ist. Alles ist knochig. Ihre Arme sind angewinkelt, ihre Hände liegen auf dem Brustkorb und es sieht aus, als hätte sie kleine Flügelchen. Bald wird sie mir davon fliegen. Ganz bald wird es geschehen, ich weiß es und fasse es trotzdem nicht. Ihre Atmung setzt öfter aus und ich halte die Luft an und denke, das war es jetzt. Das liegt sicher auch an dem Fentanyl-Pflaster, das sie seit gestern hat. Aber Lara sagt, das wäre vorher schon gewesen. Es wird auf jeden Fall häufiger.


Seit ein paar Tagen hat sie rote Stellen vom Liegen. Es ist schwer sie zu lagern, da sie, trotz des Gewichtsverlustes, immer noch relativ viel wiegt und es nicht mag, wenn man sie berührt. Durch ihre Krankheit kann sie nur auf einer Seite liegen, was die Situation noch erschwert. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, damit sie keine offenen Stellen bekommt. Die roten Stellen kommen und gehen schneller als wir handeln können. Zum Glück ist noch etwas von der Propolis Salbe da, die ihr sehr hilft.


Gestern haben sich ihre alten Kegel-Kollegen getroffen und eine ihrer ehemaligen Freundinnen war dabei. Ich hatte angeboten, dass sie ihr ausrichten, das sie sich melden könne, wenn sie es möchte.

Ich denke, dass es falsch ist, wenn irgendetwas ungeklärt bleibt und man nie wieder die Chance bekommt auf Klärung. Aber sie meldet sich nicht.

Mamas Wunsch, dass sie nicht zu ihrer Beerdigung kommen, war eindeutig. Aber dann ist es sowieso egal. Ich hätte mich für sie gefreut, wenn sie es noch geklärt hätten.

Meine Urgroßtante, die ich über alles liebte, sagte immer: „Streue Blumen auf den Weg des Lebens, auf dem Grab sind sie vergebens“.

Ich habe Angst schlafen zu gehen, weil ich Angst habe, dass sie morgen nicht mehr da sein könnte. Aber ich kann nicht wach bleiben, bis sie stirbt. Vielleicht dauert es auch noch eine Weile. Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauern kann.


Tag 22: Freitag, der 03.03.23


Das Warten auf den Tod ist ein seltsamer Zustand und unser ständiger Begleiter. Erlösung und Leid zugleich. Einerseits herbeigesehnt und andererseits nicht willkommen.

Täglich kommt für zwei Stunden der Pflegedienst, um uns zu entlasten. Ein Luxus, den wir dringend nötig haben. Wir wissen nicht mehr, wie es sich anfühlt, die Wohnung zu verlassen, ohne ständig auf die Uhr zu schauen. Es sind diese zwei Stunden, die sich nach Freiheit und Normalität anfühlen. Ich fühle mich, als hätte ich mein eigentliches Leben vergessen und als gäbe es nur dieses Hier und Jetzt. Ich bin froh, wenn es endet und traurig zugleich. Noch nie war ich so lange in einer Wohnung wie in den letzten Tagen und Wochen und in manchen Augenblicken denke ich es erdrückt mich.


Jeder, der Mama sieht, denkt wie ich. Stunden, höchstens Tage bis zur Unendlichkeit. Und noch immer muss sie leiden. Ich wünsche ihr, dass sie endlich frei ist. Frei von diesem Körper, der sie die letzten Jahre immer mehr gequält hat. Frei von Schmerzen und frei von einem Leben, das nicht mehr das ihre ist. Es sind nur noch wenige Momente, die sie von dieser Freiheit trennen.


Tag 23: Samstag, der 04.03.23

Sterbefasten sei ein sanfter Tod, heißt es. Aber das scheint nicht für meine Mutter zu gelten. Ich empfinde es als qualvoll. Leider. Ich hätte ihr einen sanften Tod gegönnt. Sie liegt nur noch und atmet. Ab und an öffnet sie den Mund und versteht, wenn ich ihr sage, dass ich ihr etwas Wasser gebe. Aber die meiste Zeit schläft sie. Ich empfinde diesen Zustand als sehr belastend. Es gibt nicht viel zu tun. Nur warten. Ob sie wach wird und eventuell etwas Wasser möchte. Ob ihre Augen Feuchtigkeit brauchen und sie sanft mit einem feuchten Tuch zu schliessen. Oder ob sie stirbt.

Wie gerne würde ich ihre Hand halten, aber ich weiß, dass sie das nicht mag. Warum sollte sie es jetzt mögen, wo sie nichts mehr sagen kann.

Es scheint sich endlos hinzuziehen. Irgendetwas in ihr scheint nicht loslassen zu wollen.


Tag 24: Sonntag, der 05.03.23


Ich hatte nicht gedacht, dass meine Mutter die Nacht überlebt. Sie reagiert gar nicht mehr und scheint tief zu schlafen. Ihre Füße und Hände werden blau. Christiane sagt, das sei normal, weil die Durchblutung sich auf die wesentlichen Organe beschränken würde und es wäre nicht schmerzhaft. Totenflecken heißt das und es sieht dramatisch aus.

Wie lange ein Mensch leben kann und wie der Körper ums Überleben kämpft, ist unglaublich. Heute sind es 24 Tage ohne Nahrung und 21 Tage ohne Flüssigkeitszufuhr.

Der Zustand, dass jeder Moment der letzte sein könnte, zerrt an meinen Nerven. Immer wieder gehe ich zu ihr und befürchte das Schlimmste.


Ich telefoniere nochmal mit dem Palliativ-Team, weil ihr Körper stellenweise blau ist und sie sehr hektisch atmet. Das sei normal und tue nicht weh. Ich frage mich, wie sie das wissen können, denn ich glaube kaum, dass es jemand aus diesem Stadium nochmal berichten konnte.

Sie denken, es sind ihre letzten Stunden, aber es könne auch noch 2 - 3 Tage so weiter gehen. Der Zustand ist beängstigend und sie wirkt sehr gequält.


Ich denke an das Om Tryambakam Mantra, das man rezitiert, wenn jemand stirbt oder gestorben ist. Das habe ich immer gemacht, wenn jemand gestorben war, aber noch nie war ich bei jemanden, der stirbt. Ich setze mich an ihr Bett und wiederhole das Mantra. Ich mache es leise, weil ich denke, Lara, die in der Küche sitzt, findet es sicher sonderbar. Sie findet Yoga und alles, was dazugehört, meist sehr sonderbar. Ich denke, meine Mutter findet es sicher auch sonderbar, da sie noch weniger Bezug dazu hat als Lara. Aber schaden kann es nichts und für mich fühlt es sich gut an. Es gibt mir das Gefühl, etwas für sie tun zu können.

Ich wiederhole immer wieder 9 Runden oder mehrere davon, dann bin ich unruhig und mache irgendetwas anderes, gehe kurz raus, komme wieder und beginne von vorne. Ich werde ruhiger und werde mir der Macht der Mantras bewusst. Meine Mama wird ruhiger, glaube ich. Sie atmet ruhiger. Ich spreche mit Lara und sie sagt mir, dass sie durch das Zuhören selbst entspannter geworden ist und Mama auch. Das freut mich und so beschließe ich weiter zumachen.

Nach einigen Runden beschließe ich eine Pause zu machen und gehe wieder aus dem Zimmer. Gefühlt 2-5 Minuten. Lara sagt, es waren höchstens 2 Minuten, eher weniger.

Und dann liegt sie da.


Die Augen und den Mund geöffnet und es kommt kein Ton mehr. Ich rufe Lara, wir sind uns nicht sicher, ob sie atmet, aber da ist nichts mehr.

Zweimal atmet sie noch pustend aus und wir erschrecken fürchterlich.


Sie hat es geschafft.


Obwohl wir uns immer noch einbilden, ihren Atem zu sehen und zu hören, ist da nichts mehr und ihr Gesicht wird friedlich. Sie scheint zu lächeln, endlich.


Wir sind fassungslos, obwohl es klar war.


Ich habe das Gefühl, ich weiß nicht, was ich zuerst tun soll. Ich rufe Andy, den Arzt, den Pflegedienst und schließlich meine Freundin Sonya an, die vorbeikommen wollte, um Lara Bücher zu bringen. Eigentlich wollte ich ihr absagen, aber sie sagt, sie kommt und ist kurz drauf da um uns zur Seite zu stehen.


Dann kommt Zori vom Pflegedienst, sie hat eigentlich Feierabend, aber sie sagte, ich könne sie anrufen, wenn Mama gestorben ist und sie würde kommen, um sie zu waschen und anzuziehen. Sie kommt mit ihrem Freund und ich bin ihr so dankbar. Ich wollte ihr etwas geben zum Dank, aber sie nimmt es nicht an. Was für ein großartiger Einsatz.


Anfangs dachte ich, wenn Mama gestorben ist, dann möchte ich so schnell wie möglich weg. Am liebsten fluchtartig die Wohnung und das Land verlassen. Spontan haben wir uns entschieden, Mama noch nicht von der Pietät abholen zu lassen. Die Meinungen dazu sind sehr unterschiedlich und ich hatte niemals zuvor darüber nachgedacht. Viele sagten mir, die Seele braucht Zeit, um den Körper zu verlassen. Wenn es so ist, dann fühlt es sich gut an, ihr die Möglichkeit zu geben.

Es ist nicht so schlimm, wie wir erwartet hatten und es fühlt sich seltsam normal an.


Ich gehe abends nochmal an ihr Bett und wiederhole noch einige Om Tryambakam Mantras für sie und hoffe, dass sie irgendwo ist, wo es ihr gut geht.


Die Tage danach:


Am nächsten Morgen gehe ich wieder an ihr Bett und wiederhole noch einige Runden des Om Tryambakam Mantra für meine Mama.


Etwas später kommt mir die Idee, dass vielleicht noch jemand kommen möchte, um sich zu verabschieden. Auch darüber hatte ich zuvor nie nachgedacht. Ich informiere ihre Freunde und fünf Freunde und Ex-Kolleginnen kommen nochmals vorbei.

Lara und ich sind uns einig, dass es eine gute Idee war. Für die anderen und auch für uns. Petra sagt, das letzte Mal kam sie wegen Mama, diesmal komme sie wegen sich.


Um 15:30 Uhr, fast 24 Stunden später, kommt die Pietät und nimmt sie mit. Ich schaue ihnen noch am Fenster nach und es tut schrecklich weh.


Der Tag ist anstrengend. Viele Nachrichten, Telefonate, Gespräche privat wie auch bezüglich Kündigungen und anderen Formalitäten. Ich funktioniere und denke, ich muss alles auf einmal erledigen und komme nicht zur Ruhe. Gegen Abend telefoniere ich mit unseren Freunden Evelyn und Jürgen aus dem Saarland. Sie mir sagen, dass sie zur Beerdigung kommen, mal wieder, und dass sie die Blumen für die Beisetzung mitbringen, mal wieder, brennen mir die Sicherungen durch. Ich muss so weinen, dass ich nicht mehr telefonieren kann. Ich glaube, es ist schon fast eine Panikattacke und alles stürzt auf mich ein. Hoffentlich passiert das jetzt nicht öfter. Lara ist bei mir und beruhigt mich, aber eigentlich müsste jemand für sie das sein. Sie kann nicht weinen, obwohl sie es gerne würde. Vielleicht weine ich für zwei.


Später schlafe ich vor Erschöpfung ein. Lara hat ihren Kopf kurz an meinen gelehnt und ich meinen an ihren und erschrocken werde ich wach, als sie ihn wieder anhebt. Es ist Zeit zu schlafen, beschließe ich und gehe ins Bett. Die zweite Nacht ohne Eltern. Plötzlich erwachsen. Was das bedeutet, weiß ich noch nicht und ich denke, es wird eine lange Zeit dauern, um das herauszufinden.


Bald geht es wieder nach Hause, nach Ibiza und zweimal komme ich noch wieder. Zur Beerdigung und um die Wohnung aufzulösen und um mich zu verabschieden von Frankfurt, was immer noch ein Stück Heimat war und um meine Wurzeln endgültig zu kappen. Um frei zu sein oder um zu leiden, das wird die Zukunft weisen.


Ich packe in meinen Koffer jede Menge ungelesen Bücher und unverarbeitete Themen und begebe mich auf einen neuen Abschnitt in meinem Leben.


Die Erde dreht sich weiter und doch ist es nicht mehr wie es war. Aber die einzige Konstante in unserem Leben ist Veränderung und ich werde lernen und akzeptieren müssen, das es so ist. Das habe ich meiner Mama versprochen.


Ich bin dankbar, Dich als meine Mutter gehabt zu haben, Euch als meine Eltern. Ihr wart das Beste, was mir hätte passieren können. Wenn es so ist, dass man sich seine Eltern selbst aussucht, habe ich eine gute Wahl getroffen, die beste. Ich bin unsagbar traurig. Aber ihr werdet immer in meinem Herzen sein und ich lasse Euch in Liebe gehen, da ich weiß, dass Eure Reise hier zu Ende ist und hoffentlich irgendetwas Neues und Schönes für euch beginnt. Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder auf der anderen Seite oder an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Aber so lange ich hier sein werde, habe ich einen besonderen Platz für Euch in meinem Herzen reserviert, den ihr mit Liebe gefüllt habt.



Rückblickend…


glaube ich, dass es ein Geschenk für mich war beide Elternteile auf ihrem letzten Weg begleiten zu dürfen. Auch wenn ich ihnen von ganzem Herzen einen leichteren Weg gewünscht hätte.


Vor allem hätte ich meinen Eltern die Chance gewünscht, sich richtig voneinander verabschieden zu können. Er ging an jenem letzten Tag von zu Hause fort in dem Glauben, dass er bald wieder kommen würde. Er lebte nach seiner Operation in der Hoffnung, dass alles gut werden würde und kämpfte mit einer schier unglaublichen Kraft einen erfolglosen Kampf. Sie hat ihn nie wieder gesehen, da sie die Wohnung nicht verlassen konnte. Das einzige, was ich tun konnte war ihr Fotos und Videos von ihm zu zeigen.


Meiner Mutter hätte ich gewünscht, diese Krankheit hätte sie nie heimgesucht und sie würdevoll hätte alt werden können. Außerdem wünschte ich, sie hätte nach ihrem Entschluss, ihr Leben auf diesem Weg zu beenden, nicht so lange und schwer leiden müssen und hätte etwas mehr Leichtigkeit gehabt in ihren letzten Tagen.


Für mich war es gut, dass ich Abschied nehmen konnte und die Worte sagen konnte, die noch gesagt werden mussten. Wobei das nicht viele waren, denn ich habe in den schönen Zeiten schon immer gesagt, was mir wichtig war und vor allem, dass sie mir wichtig waren. Trotzdem bin ich dankbar, dass sie mir nicht überraschend aus dem Leben gerissen wurden, denn für mich wäre das unsagbar viel schwerer geworden.


Meine Mutter ist nie alleine gewesen und immer war jemand bei ihr auf ihrer letzten Reise in die Unendlichkeit. Sobald sie rief, einen Laut von sich gab oder sich anders bemerkbar machte, waren wir für sie da. Die meiste Zeit schlief sie. Wenn sie nicht rief, schauten wir alle paar Minuten nach ihr. Nur nachts war es etwas weniger.

Sie hatte die Chance, friedvoll zu Hause zu sterben, musste nicht in ein Heim und hatte ihre Familie um sich. Ich glaube, das ist sehr wertvoll.


Für sie waren wir 22 Stunden am Tag da. Für meinen Vater waren es nur 2 Stunden, da man wegen Corona nicht länger im Krankenhaus bleiben durfte und ich sie auch nicht länger hätte alleine lassen können. Welche Ironie, dass er die zwei Stunden hatte, die ihr am Tag fehlten.


Die Umstände haben mich dazu gebracht, mich mit den Themen Tod, Sterben und der Frage was danach passiert zu beschäftigen. Ich hatte das lange vor mir her geschoben. Aber ich bin froh, dass ich mich diesen Themen zugewandt habe und werde mich auch zukünftig bewusst damit auseinandersetzten. Mir ist vieles klar geworden und ich möchte zukünftig mein Leben bewusster leben.

Es kam alles wie von selbst, zur rechten Zeit. Menschen, Begegnungen, Gedanken, Bücher und Entscheidungen.

Ich bin froh, dass mir das Mantra in den Sinn kam, als ich es brauchte und dankbar wie hilfreich es war.

Ich bin froh über die Entscheidung meine Mutter nicht gleich von der Pietät abholen zu lassen.

Ich bin dankbar, das ich sie auf dieser letzten Reise begleiten konnte, auch wenn es sehr schwere und lange Tage waren.

Und ich glaube, ich habe viel gelernt aus den letzten Monaten, auch wenn es unendlich traurige Monate waren. Sie haben mich verändert. Aber ich habe das Gefühl, ich bin gewachsen und nicht zerbrochen.


Ein ganz anderes Thema, das mich in diesen letzten Monaten sehr beschäftigt, ist das deutsche Gesundheitssystem. Ich habe schon zuvor kein Vertrauen in die Pharmaindustrie gehabt und stand mit ihren Machenschaften auf Kriegsfuß.

Was in den Krankenhäusern passiert, war mir unbekannt. Da ich schon lange nicht mehr in Deutschland lebe und auch nicht damit konfrontiert wurde.

Es ist unglaublich und ein Verbrechen, was hier vor sich geht. Menschen werden belogen und betrogen, um die Profitgier der Krankenhäuser und Ärzte zu befriedigen. Operationen und Therapien werden angesetzt, mit dem primären Ziel, Gewinne zu erzielen. Der Patient bleibt dabei auf der Strecke, oft wortwörtlich. Ich habe mit Ärzten und Pflegekräften gesprochen, mir Sendungen angeschaut und alle Aussagen stimmen überein und bestätigen mir meine eigene Erfahrung.

Eine Krankenschwester erzählte mir, dass sie ihre Stelle auf der Onkologie gekündigt hatte, da sie aus ethischen Gründen dort nicht mehr arbeiten konnte. Sie bestätigte mir, dass Operationen und Untersuchungen angeordnet werden, die nicht nötig gewesen wären.

Ich frage mich, ob diese Ärzte nachts noch schlafen können. Ich frage mich, was sie motivierte Medizin zu studieren und ob der Profit schon immer ihre Antriebskraft war oder ob sie ursprünglich die richtige Motivation hatten und einfach vom Weg abkamen. Hoffentlich sind sie nicht selbst irgendwann in der Situation und müssen sich oder ihre Lieben in die Hände von Kollegen begeben, die ihren Beruf verfehlt und ihre ethischen Grundsätze verloren haben.


Danke!


Danke an alle Menschen, die mich auf diesem schweren Weg die letzten 7 Monate begleitet haben. Insbesondere danke ich den Menschen, denen ich noch nie begegnet bin, und die trotzdem für mich da waren.

Christiane zur Nieden, die nicht nur mit ihrem Buch „Sterbefasten“ hilfreiche Informationen lieferte, sondern die immer ein offenes Ohr, viele Tipps, Geduld und tröstenden Worte hatte. Ich bin immer noch sprachlos über diesen selbstlosen Einsatz eines fremden Menschen, den ich übers Internet fand und der mir so sehr zur Seite stand.

Sabine Latten, die gute Fee vom Sozialamt. Sie hat geholfen, wo es ging und meiner Vorstellung vom Sozialamt, mit dem ich nie zuvor in Kontakt war, ein anderes Gesicht gegeben. Gerne hätte ich sie persönlich kennengelernt, aber leider kam es nie dazu.

Michaela Inhausen, die immer Zeit für mich hatte, als mein Papa im Sterben lag und die selbst kurz nach mir ihren Vater verlor.

Meine liebe ehemalige Kollegin Gisela, die plötzlich wieder da war und immer zu einem Gespräch bereit war, und die darüber hinaus ihre Liebe zu Ibiza fand und viel Zeit dort verbrachte.

Die liebe Coki, die ich immer treffen wollte, und wir es in all dieser Zeit nie geschafft haben, was wir aber sicher ganz bald nachholen. Sie hatte so viel Verständnis und Mitgefühl und war mir bei beiden Sterbeprozessen eine liebevolle Begleiterin über WhatsApp und Telefongesprächen, immer mit vielen tröstenden Worten.

Und natürlich meinen Freunden in Frankfurt, die immer für mich da waren, wenn ich sie brauchte. Manche davon glaubte ich schon verschollen. Umso schöner war zu sehen, dass sie in der Not für mich da waren. Mit Rat und auch mit Tat und tollen Aktionen. Ich bin sehr stolz auf euch, insbesondere auf Nicole, Nina und Dany. Als meine Mutter den Entschluss schon gefasst hatte zu sterben, war ich eine Woche auf Ibiza. In dieser Zeit kamen sie abwechselnd zu Besuch. Eigentlich hätten es die Freunde meiner Mutter sein müssen, die ihr zu Seite standen. Umso schöner ist es zu sehen, dass meine Freunde für sie da waren.

Angela, die auch gerade ihre Mutter verlor und mir mit ihrer positiven Einstellung so viel Mut machte.

Das Pflegeteam von Akip, das tolle Einsätze brachte und kurzfristig Lösungen fand, selbst wenn spontan Not am Mann war. Deborah für ihr Wissen und Antworten auf Fragen, die uns sehr weitergeholfen haben. Zori für ihren tollen Einsatz nach Feierabend. Frank, der sich immer Zeit nahm. Marya, die in Windeseile Lösungen fand und sie problemlos in die Tat umsetzte und Margot, die immer für meine Eltern da war. Natürlich gilt mein Dank auch allen anderen.

Zora und Mato, die guten Seelen des Hauses, die immer geholfen haben und Zora, die ihre „Zur Reifenburg“ Köstlichkeiten oftmals einfach ungefragt nach oben, in die Wohnung, brachte und uns das Kochen erspart hat.

Die Freunde und ehemaligen Arbeitskollegen meiner Mama, insbesondere Karin, Marion, Sigrid, Petra, Ingrid, Joe, Reiner und Bruno, die sie nicht vergessen haben. Und ihr, sowie mir auch, die letzten Tage mir tröstenden Worten und Erinnerungen an vergangene Tage leichter gemacht haben, jeder auf seine ganz eigene Art.


Ich bin wirklich froh über alle, die an meiner Seite waren. Manchmal ist es unglaublich, wie es zu manchen dieser Begegnungen kam und wie plötzlich die scheinbar richtigen Menschen zur richtigen Zeit an meiner Seite waren und mir Kraft und Mut gaben.


Und natürlich danke ich Andy und Lara. Andy, die Liebe meines Lebens. Der so viel in Frankfurt war wie seit 17 Jahren nicht mehr. Ich weiß, was es ihn an Überwindung gekostet hat. Der meinen Schmerz aus der Ferne spürte und dem so viele neue graue Haare gewachsen und der lange darauf warten musste, bis ich wieder nach Hause kam.

Und schließlich Lara, die so tapfer war und unglaubliche Aktionen brachte, wie mit ihrem Opa Rooming-in im Krankenhaus zu machen, eine Trauerrede zu halten und bei beiden Großeltern dabei war, so viel sie konnte. Die mit mir an der Seite ihrer Oma war bis zum letzten Atemzug.

Ich bin froh, eine so tapfere und tolle Tochter zu haben. Ich weiß, was es ihr abverlangt hat und bin unendlich stolz auf sie.


Danke euch allen, auch denen, die nicht namentlich erwähnt wurden. Ohne euch wäre ich zerbrochen und hätte das nie geschafft.

765 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


bottom of page